Trainingslager in der Schweiz?

Anja und Marco beim Training
Foto: privat

Marco geht dem „Mythos St. Moritz“ auf den Grund

 

Ein Trainingslager in der Schweiz? Diese Idee klang für mich von Anfang an verlockend. In Läuferkreisen gilt Engadin schließlich als das Ziel schlechthin, wenn das Höhentraining ruft: Eine malerische Landschaft, nur ein paar Autostunden von Deutschland entfernt, traumhafte Bergkulisse, top Wetterbedingungen, leckeres Essen, dazu optimalen Möglichkeiten zum Laufen – diese Schwärmereien sorgten bei mir schon fast für ein wenig Urlaubsfeeling. Okay, Anja müsste trotzdem viele schweißtreibende Einheiten absolvieren, aber dabei würde ich sie natürlich wie immer unterstützen. Ich war mir sicher, dass das Training mit vereinten Kräften hier wie im Flug vergehen würde. Also nichts wie hin!

Mittlerweile sind wir von unserem ersten dreiwöchigen Aufenthalt in St. Moritz zurückgekehrt und ich bin nun ein echter Insider, was die Wahrheit über all die verheißungsvollen Trainingslager-Mythen betrifft, die sich um die Stadt ranken, die als Heimat der Schönen und Reichen bekannt ist. Denn wie es immer so ist mit Klischees: Manchmal liegen Realität und Fiktion nicht ganz so nah beieinander. Damit soll nun aber Schluss sein. Hier kommt die Wahrheit über das vermeintliche Traumtrainingslagerziel, von dem es immer heißt...

... in der Schweiz gibt es wenigstens keine Sprachbarriere zu überwinden.

Was das betrifft, wollte ich vorher wirklich auf Nummer sicher gehen und habe mir versichern lassen: Im Kanton Graubünden wird Deutsch gesprochen. Kein Italienisch, kein Französisch und auch kein Rätoromanisch, sondern Schweizerdeutsch. Laut Duden ist das eine Varietät der deutschen Standardsprache – also keine Gefahr für Verständnisschwierigkeiten. Dachte ich. Und gelangte vor Ort schnell zu der bitteren Erkenntnis, dass ich die begrifflichen Unterschiede, Sprechtempo und Dialekt stark unterschätzt hatte. Um es klar auszudrücken: Wenn ein Schweizer mal richtig loslegt, verstehe ich nicht viel mehr, als wenn man Chinesisch mit mir redet. Und Anja ging es leider ähnlich. Fürs nächste Mal werde ich besser vorbereitet sein und vielleicht mal nachsehen, ob es irgendwo einen Einsteiger-Sprachkurs gibt. Schwiizerdütsch für Dummerlis oder so.

... St. Moritz bedeutet durchgehend eitel Sonnenschein.

Anja beim Laufen im Regen
Foto: privat

Angeblich scheint die Sonne hier durchschnittlich 322 Tage im Jahr. Blöd nur, dass wir trotz dieser vermeintlich hohen Schönwetter-Wahrscheinlichkeit zum Einstieg gleich mal ein paar Tage außerhalb dieses Zeitraums erwischt haben. Nach unserer Ankunft bestand der Dresscode stattdessen erst einmal vornehmlich aus Mütze, Winterhandschuhen und wetterfester Laufkleidung. Da hatte es sich dann mit dem eitel auch ziemlich schnell erledigt. Das Gute daran? Jetzt bleibt uns eigentlich gar nichts anderes mehr übrig, als in diesem Jahr noch einmal wiederzukommen. Dann hätten wir laut Statistik ja quasi eine Traumwetter-Garantie.

... inmitten der malerischen Bergkulisse von St. Moritz vergeht jedes Training wie im Flug.

Eine Sache kann ich euch verraten: Die ersten Tage hat Anja beim Training geschnauft wie eine Lokomotive. Selbst bei moderaten Geschwindigkeiten. Training im Flug sieht auf jeden Fall anders aus. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, aber an den niedrigen Sauerstoffgehalt der Höhenluft muss man sich eben erst sukzessive gewöhnen. Danach gab es aber doch den ein oder anderen Lauf, bei dem Anja die schöne Umgebung geradezu beflügelt hat. Ist man also über die Anfangsschwierigkeiten hinweg, werden lange Läufe hier doch mehr als nur erträglich. Die besonders anstrengenden Einheiten waren trotzdem um einiges kräftezehrender als aus der Heimat gewohnt und bevor ich es mir versah, lag Anja im Anschluss daran fix und fertig im Bett. Als sie schließlich aufgrund einer leichten Wadenverhärtung einen langen Dauerlauf vorsichtshalber ins Wasser verlegte, hatte sich allerdings auch das mit der schönen Bergkulisse kurzzeitig erledigt: Chlorwasser beim Aquajoggen schmeckt halt doch überall gleich!

... ein Aufenthalt in St. Moritz ist ein teurer Spaß.

Reis zum Abendessen
Foto: privat

St. Moritz ist weltweit dafür berühmt, dass sich hier die Schönen und Reichen treffen. Eines Abends als ich mit Anja auf dem Rückweg ins Hotel, noch in Sportsachen gekleidet, das ambitionierte Menü eines sehr edel anmutenden Restaurants studierte (genauer gesagt: die Preise auf der Karte), beobachtete ich etwas sehr merkwürdiges: Der Kellner, der soeben noch versucht hatte, das wenige Meter vor uns spazierende Pärchen mit einer einladenden Geste in den Gastraum zu locken, erblickte nun uns - und machte daraufhin sofort auf dem Absatz kehrt, um sich ins Innere des Lokals zu begeben. Scheinbar waren wir und unser Sportlerportemonnaie nicht so seine Zielgruppe. Und die unmissverständliche Ansicht des Kellners beim Blick auf Anjas Jogginghose war: „Hier kriegst du noch nicht mal eine Vorspeise.“ Anja, der ich wirklich gerne ein leckeres Gericht als Belohnung für ihr gutes Training spendiert hätte, tat mir schon ein bisschen leid. Aber was soll ich denn machen, wenn man mein Geld in den Gourmet-Schuppen gar nicht haben will? Einfache Lösung: In der Ferienwohnung selbst kochen!

Was bleibt übrig von den Mythen um St. Moritz?

Ein Höhentrainingslager in der Schweiz ist und bleibt an erster Stelle noch immer ein Trainingslager. Daran ändert auch eine schöne Landschaft oder entspannte Mentalität ihrer Bewohner nichts. Darum nehmen Anja und ich trotz ermüdenden Trainingseinheiten, eine Menge wunderschöne Eindrücke von einem atemberaubenden Panorama und besonders herzlichen Menschen mit nach Hause. Sind die Beine auch noch so erschöpft: Der Schmerz vergeht!

 

Nachdem wir nun auch die Heimreise hinter uns gebracht haben und wieder der gewohnte Alltag im heimischen Umfeld beginnt, bin ich schon gespannt, wie Anja auf den neuen Trainingsreiz reagieren wird.

Anja beim Laufen im Höhentrainingslager
Foto: privat

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Danke Franzi Reng für deinen Artikel!